Lernort Staatsregierung in Brüssel

Politische Bildung ist kein theoretisches Konstrukt, das man nur aus Schulbüchern lernt – man muss sie erleben, atmen und aktiv mitgestalten. Für 26 Schülerinnen und Schüler unserer Q12 wurde dieser Grundsatz Mitte März zur gelebten Realität.

Vom 15. bis zum 17. März hieß unser Ziel: Brüssel – das pulsierende Herz der europäischen Politik. Hier bot sich uns die einmalige Gelegenheit, hinter die monumentalen Kulissen der europäischen Institutionen zu blicken und die Mechanismen der internationalen Diplomatie hautnah zu ergründen.

Unsere Reise begann am Sonntag. Mit der Deutschen Bahn. Dass Bahnfahrten ein eigenes Abenteuer darstellen, ist hinlänglich bekannt. Und so kam es, wie es kommen musste: Nach einer Reihe logistischer Geduldsproben erreichten wir den Brüsseler Nordbahnhof mit weit über einer Stunde Verspätung erst in den späten und tiefen Nachtstunden. Der anschließende Weg ins Hotel inkl. Zimmeraufteilung, Abendessen und Duschen glichen einem Sprint gegen die Uhr. Schlaf war kostbar, denn das bevorstehende Programm der nächsten Tage verlangte Aufmerksamkeit und frische Energie.

Der Montag startete direkt mit einem Highlight zur Orientierung: Einer Stadtführung durch die belgische Metropole. Dabei lernten wir Brüssel nicht nur als kühle Verwaltungsstadt kennen, sondern tauchten tief in die reiche und durchaus kuriose Geschichte unseres belgischen Nachbarn ein. Garniert mit allerhand Klischees, einigen politischen Absurditäten und etlichen verblüffenden Fun Facts offenbarte sich uns hier eine faszinierende, lebendige und extrem eindrucksvolle Metropole, die Gegensätze vereint… oder das zumindest versucht.

Begleitet wurden wir dabei von Herrn Simon Schmidt, dem zuständigen Referenten der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildungsarbeit (BLZ), der sich über die gesamten Tage hinweg als überaus nahbarer und stets freundlicher Mentor erwies, der unseren Schülern auf Augenhöhe begegnete.

Nach einem kurzen Blick in die EU-Kommission war der anschließende Besuch der Vertretung des Freistaats Bayern bei der Europäischen Union zweifellos ein Meilenstein des Tages. In dem imposanten Gebäude wurde spürbar, wie intensiv regionale Interessen auf europäischer Ebene eingeflochten werden. Der Vortrag von Frau Demling, der dortigen Referentin, hinterließ einen tiefen Eindruck: Brillant formuliert, präzise und nah an der Lebensrealität der Jugendlichen zeigte sie auf, wie bayerische Politik in Brüssel mitgestaltet wird.

Am Nachmittag folgte eine kurzfristige Programmänderung, die sich als absoluter Glücksfall erweisen sollte. Statt des ursprünglich geplanten Besuchs im Haus der Europäischen Geschichte erhielten wir die spontane Zusage für ein interaktives Rollenspiel im „Parlamentarium“. Hier schlüpften die Schülerinnen und Schüler selbst in die Rolle von EU-Abgeordneten. Sie mussten Allianzen schmieden, komplexe Gesetzesvorlagen verhandeln, Kompromisse mit fiktiven Fraktionen eingehen und sich den kritischen Fragen von Pressevertretern stellen.

Der Dienstag stand ganz im Zeichen des Europäischen Parlaments. Der dortige Besuch war schlichtweg großartig und bot ebenso wort- wie bildreiche Eindrücke, die im Gedächtnis bleiben. Ein packender, erfrischend kurzweiliger und auch (fremd-)sprachlich imponierend abwechslungs-reicher Vortrag von Herrn Heuer eröffnete den exklusiven Blick hinter die Kulissen der Macht. Als die Gruppe schließlich den riesigen Plenarsaal betrat, herrschte für einen Moment ehrfürchtiges Schweigen. Die schiere Dimension des Raumes, in dem sonst die Geschicke von Millionen von EU-Bürgern verhandelt werden, hautnah zu spüren, war ein bewegender Moment.

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Montagvormittag: Das imposante und kontrastreiche Stadtbild im Zentrum von Brüssel. Gruppenfoto im Innenhof der Bayerischen Vertretung – direkt gegenüber dem EU-Parlament.

Nach intensiven politischen Diskursen blieb ab Mittag noch einmal Zeit zur freien Verfügung, um die Stadt auf eigene Faust zu erkunden, bevor am späten Nachmittag die Rückreise angetreten wurde. Diesmal spielte die Bahn mit: Ohne nennenswerte Probleme rollte die Bahn Richtung Heimat. Als die Gruppe mitten in der Nacht wieder in Münnerstadt ankam, waren alle erschöpft, aber glücklich und bereichert von den Eindrücken dieses außergewöhnlichen Lernorts.

Dass diese Fahrt ein voller Erfolg war, liegt vor allem an der außergewöhnlichen Konstellation der Gruppe – der „Landeier“, wie sich unsere Schüler in ihrer Bewerbung für diese Fahrt selbst betitelten. Für die meisten von ihnen war Brüssel nämlich bereits der dritte „Lernort“ in Folge! Von der 10. bis zur 12. Klasse durfte diese Gemeinschaft tatsächlich alles „mitnehmen“, was die BLZ im Angebot hat: Zuerst das Gesundheitsministerium in Nürnberg zusammen mit dem Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit in Erlangen, dann das Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst zusammen mit der Staatskanzlei in München und nun (als krönender Abschluss) Brüssel. Dieses „Triple“ ist weiß Gott keine Selbstverständlichkeit, sondern spricht Bände über die außerordentliche Qualität, das immense Engagement und den unbedingten Willen unserer Oberstufenschüler/-innen. Immerhin mussten sie sich für die Teilnahme mit einem eigens produzierten, überaus kreativen Bewerbungsvideo qualifizieren.

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Montagnachmittag und Dienstagvormittag: Rollenspiel im „Parlamentarium“ und Besuch des EU-Parlaments, der Herzkammer der europäischen Politik.

Uns begleitenden Lehrkräften hat diese Reise unendlich viel Spaß gemacht. Natürlich lag das in erster Linie an unseren großartigen Schülerinnen und Schülern, aber auch daran, dass das Konzept des „Lernorts“ ein pädagogischer Volltreffer ist. Ein ganz besonderer und großer Dank gilt in diesem Zusammenhang Herrn Kilian Miethaner, dem für den Lernort in Brüssel zuständigen Referenten der BLZ. Mit seiner tatkräftigen Unterstützung, seiner Expertise und seiner motivierenden Art hat er letztlich den Weg nach Brüssel geebnet.

Und ganz nebenbei hat diese Reise auch gezeigt: Unsere Jugend ist politisch interessiert, diskussionsfreudig und bereit, Europa mitzugestalten!

OStR Daniel Karch und StDin Ulrike Wagner-Kubitza (Fotos: Daniel Karch)

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