Lesung und Gespräch: John von Düffel kommt, liest und überzeugt.
Der Theaterintendant des E.T.A.-Hoffmann-Theaters Bamberg machte seine Stippvisite am Johann-Philipp-von-Schönborn-Gymnasium im Handumdrehen zu einem mehrschichtigen intellektuellen Vergnügen für die jugendlichen Zuhörer der Oberstufe und einige erwachsene Zaungäste. Er warb im besten Sinne für Theater- und Literaturbildung, auch mit sehr klugen und wertschätzenden Einlassungen zu Schülerfragen.
Fragen zur Person machten den Anfang. Sie betrafen seine Jugendzeit im englischsprachigen Ausland als Lehrerkind, besonders aber seine langen Jahre als Dramaturg in den großen Theaterstädten der Republik, schließlich auch seine große Leidenschaft, das Schwimmen. Bei diesem Sport, den er ausdauernd seit frühester Zeit betreibt, ist, so seine Überzeugung jeder Schwimmer ganz bei sich, in einer sozusagen angenehmen Einsamkeit. Ein willkommener Gegenpol zu seinen beruflichen Schwerpunkten, die ihn in einen öffentlichen Raum bringen mit Schauspielern, Zuschauern, Theater- und Medienschaffenden. Organisch schlossen sich zwei Lesestellen an, die sich ebenfalls um das nasse Element drehten. Von Düffel ist sich sicher, dass die Beherrschung der Kulturtechnik Schwimmen, das sich Angenommen-Fühlen im Wasser zur condition humaine gehört. So bot er mit präziser Vortragstechnik, in einem bewusst rhythmisierten Sound den Beginn aus dem Generationenroman „Vom Wasser“ dar – sein Erstling, an dem er zwei Jahre feilte, der ihm den Aspekte-Literaturpreis und die dauerhafte Aufmerksamkeit der Literaturkritik eintrug. Eine Familiengeschichte zudem, in einem bisweilen beinahe märchenhaften Ton. Es schloss sich eine humorvoll-distanzierte Ich-Erzählung an, die man als verhinderte Liebesgeschichte zweier Langstreckenschwimmer, nur in kurzen Blickmomenten des Kraulens einander sehend, aber sicher am Schwimmstil einander erkennend, deuten konnte.
Viele, ganz grundsätzliche Fragen hatten die Schüler im Folgenden. Von Düffel gab bereitwillig Einblicke in seine Auffassung von Theater, dem er als Begegnungsraum von Menschen sonst ganz unterschiedlicher Herkunft und Haltung, weiterhin eine immense gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung zumisst. Theater sei im Sinne Brechts immer konkret und die Wertung erfolge quasi in Echtzeit. Auch öffnete er seine Strategien, die Bühne spezifisch wieder für junge Menschen aufzuschließen und stellte pointiert fest, dass jedes Theater nur so gut sei wie seine Schauspieler. Das Buch, der Roman als Medium wiederum, um das es im Mittelteil der Begegnung ging, behalte als Gegengewicht zu den Digitalisierungsveränderungen, vielleicht in einem exklusiveren Sinne, seine Berechtigung und Rolle. Und er erläuterte schließlich seine Philosophie des Verzichts, die sich aus Überlegungen zu einer digitalen Askese und seinen Beobachtungen im universitären Betrieb und an erschöpft wirkenden jungen Studenten entwickelt hätten. Verzicht sei in seinem Sinne keine Kasteiung, sondern löse Freude aus, mache den Menschen zufriedener, schaffe Ballast beiseite. Beifall am Ende von knapp zwei Schulstunden ganz anderer Art.
OStD Peter Rottmann (Foto: StD Alexander Gensler)
