Wie der Wahnsinn mir die Welt erklärte – Ein „Theater-Kennenlern-Projekt“ der 6c
Am Ende verneigen sich die Schauspieler und die Zuschauer klatschen. Weil es ihnen gefallen hat. Oder aus Höflichkeit, weil es sich so gehört. Soviel weiß jeder vom Theater.
Doch bis ein Stück auf der Bühne diesen Abschluss findet, ist es ein weiter Weg. Die Klasse 6c hat sich in diesem Schuljahr zur Aufgabe gemacht, ebendiesen Weg, der mindestens genauso spannend ist wie die Aufführung selbst, zu begleiten und hinter die Kulissen des Theaterbetriebs zu blicken.
Ermöglicht hat dieses spannende Projekt das theaterpädagogische Team des Theaters Schloss Maßbach unter fachkundiger Leitung von Lisa Wagner, der an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön gebührt. Und weil die 6c in diesem Schuljahr Patenklasse sein durfte, war das Ganze auch noch kostenlos – sieht man von den Fahrtkosten ab, für deren Reduktion dem Landkreis zu danken ist.
Und wie ist das Projekt abgelaufen?
In einem ersten Workshop an der Schule sind die Begriffe und Berufe rund ums Theater ebenso ein Thema wie der Inhalt des Stückes von Dita Zipfel, das eigentlich ein Jugendroman und kein Theaterstück ist. Im Zentrum steht die 12-jährige Lucy, die unbedingt zu Bernie nach Berlin reisen möchte, der Ex ihrer Mutter, mit der sie sich einst prima verstanden hat, während Mama nun mit einem Mann zusammengezogen ist, mit dem Lucy überhaupt nicht klarkommt. Für die Reise nach Berlin braucht Lucy Geld. Für die Beschaffung klingelt sie an der Haustür eines komplett durchgeknallten Typen, Klinge. […] Damit das Ganze spannend bleibt, nähert sich die Klasse der Handlung an diesem Januartag aber nur portionsweise, bringt eigene Ideen ein, wie es weitergehen könnte. Und schließlich geht es selbst ans Schauspielern. In szenischem Spiel werden Konfliktsituationen aus der Handlung einstudiert und dargeboten, Charaktere enträtselt.
Das zweite Event findet dann bereits auf den Brettern, die die Welt bedeuten, statt. Im Theater im Pferdestall (TIP) in Maßbach darf die Klasse der Konzeptprobe beiwohnen, dem frühesten Stadium auf dem Weg zur Aufführung: Da ist alles noch roh und offen, die Schauspieler können ihre Texte schlecht und bedürfen ständig der Hilfe der Souffleuse. Der Regisseur hält sich noch sehr zurück, lässt die Darsteller erst mal machen und sich finden. Überrascht sind die Schülerinnen und Schüler von der Tatsache, dass die Inszenierung mit nur einem Schauspieler (Bennet Neumann) und einer Schauspielerin (Anna Schindlbeck) auskommen soll… wie das wohl geht? Daneben gibt es die Regieassistentin, die gleichzeitig souffliert, einen Bühnentechniker und – fertig. Auch bei der Kulisse ist man irritiert: Die wichtigste Requisite ist ein überdimensionaler Rucksack, der als Multi-Tool eingesetzt wird, die Bühnenbretter selbst werden zur Tafel. Die Fragen am Ende dieser ersten Probe sind so zahlreich, die Begeisterung so groß, dass der Lehrer mit Nachdruck zum Aufbruch drängen muss.
Workshop Nummer 2, wiederum im Schulhaus, nimmt nun die zentralen Konflikte der Handlung stärker ins Visier: Es geht um Pubertät, Mobbing, Freundschaft und Einsamkeit. Wiederum szenisch arbeitet die Klasse an diesen Themen und der Lehrer stellt erfreut fest, dass das eigentlich längst mal fällig gewesen ist und nun auf so unaufdringliche Weise erledigt werden konnte.
Etwas später, etwa zur Halbzeit des Probenzeitraums, findet die 6c ein zweites Mal in den Pferdestall: Der Regisseur ist jetzt viel aktiver, die Akteure sind textsicherer, es geht nun schon um den Feinschliff, um Betonungen, Korrekturen der Mimik und Gestik und die Wirkung auf den Betrachter. Jetzt kann man sich schon viel besser vorstellen, wie das am Ende klappen könnte.
Anfang März ist es dann so weit: Die Aufführung: Und soviel sei gesagt: Der Applaus kam nicht nur aus Höflichkeit.
Aus meiner Lehrer-Sicht ist dieses Projekt ein reiner Glückstreffer gewesen. Zum Ersten, weil es endlich mal die Altersgruppe anspricht, für die es in der Theaterlandschaft kaum etwas Zumutbares gibt. Zum Zweiten, weil die Themen an der Lebenswelt der Jugendlichen ganz nah dran sind. Und zum Dritten, weil Theater auf diese Weise aufhört, ein Konsumprodukt zu sein, das ich konsumiere, eintaxiere und vergesse. Die Wertschätzung für die große Kunst auf kleiner Bühne dürfte unermesslich gestiegen sein! Danke 6c, danke Maßbach!
StD Alexander Gensler
Die Aufführung gelingt

Die Bühne wird zweckentfremdet

Der geheimnisvolle Rucksack als Multi-Tool

Ganz nah dran

Regisseur, Schauspieler, Bühnentechniker und Regieassistenz/Souffleuse bei der Konzeptprobe

Ist nur Klinge verrückt oder auch Lucy?
